Wo das Kalkül beginnt

Der Satz, der wirken soll

Es gibt eine Weise zu sprechen, in der der Satz nicht vor seiner Wirkung kommt, sondern nach ihr. Zuerst steht fest, was erreicht werden soll; dann wird die Formulierung gesucht, die es erreicht. Der Rat an den Fürsten ist so gebaut, die Position in einer Verhandlung, die Auskunft im Bewerbungsgespräch. Nichts davon muss falsch sein. Es kann Wort für Wort zutreffen; dazu gehört auch das Weglassen, das nicht lügt, und die Höflichkeit, die eine Absicht deckt. Der Unterschied liegt nicht am Wahrheitswert, sondern daran, dass die Wahrheit hier eine Bedingung des Erfolgs ist und sonst nichts.

Diese Rede ist älter als jede Maschine. Sie hat nie ein Gerät gebraucht, sie kommt in Höfen, Kanzleien und Kontoren seit Jahrhunderten vor, und sie ist mit den Mitteln der Sprache selbst gebaut. Der Streit um maschinell vermittelte Schrift sucht die Grenze zwischen Mensch und Maschine am Material: an den Wörtern, am Anteil, an der erkennbaren Textur. Sie liegt nicht dort.

Zwei Weisen zu sprechen

Jürgen Habermas hat 1981 die Unterscheidung ausgearbeitet, um die es geht. Rede kann erfolgsorientiert sein: Die Sprecherin verfolgt ein Ziel, und der Adressat kommt darin als Bedingung des Ergebnisses vor. Sie kann verständigungsorientiert sein: Die Handlungspläne werden, in Habermas’ Wendung, nicht über egozentrische Erfolgskalküle koordiniert, sondern über Akte der Verständigung. Beides sind Weisen, dieselben Sätze zu sagen. Die Wörter verraten nicht, welche vorliegt.

Harry Frankfurt hat die Diagnose fünf Jahre später verschärft. Nicht die Lüge ist der Bruch — die Lüge achtet die Wahrheit noch, indem sie ihr ausweicht, denn sie muss wissen, was der Fall ist, um daneben zu treffen. Der Bruch ist die Gleichgültigkeit gegen das Gesagte bei voller Ausrichtung auf seine Wirkung. Wer so spricht, hat zur Wahrheit kein Verhältnis mehr, auch kein feindliches. Sie ist ihm gleichgültig geworden, weil sie für das Ergebnis nichts austrägt.

Was sich abtreten lässt

Das Sprachsubstrat — das, was ein Sprachmodell an statistisch wahrscheinlicher Formulierung bereitstellt — berechnet nichts. Es verfolgt kein Interesse, es hat keinen Adressaten, mit dem es etwas vorhat, und keinen Erfolg, an dem es sich ausrichtet. Es liefert die wahrscheinliche Fortsetzung dessen, was je geschrieben wurde. Das Kalkül ist deshalb nicht seine Weise zu sprechen.

Das Kalkül ist nicht die Weise der Maschine. Es ist die Weise des Menschen, die sich vollständig an eine Maschine abtreten lässt.

Abtretbar ist sie, weil in ihr nichts steckt, was einen Meinenden erfordert. Wer nur die Wirkung will, braucht keine Überzeugung, die getragen wird; er braucht eine Oberfläche, die trifft. Diese Oberfläche ist genau das, was eine Apparatur bereitstellen kann — Sprache ohne jemanden dahinter, in beliebiger Menge, zu Kosten, die gegen null gehen. Das Kalkül ist der Teil der Rede, in dem niemand vorkommt, der etwas meint, und darum der einzige, der sich restlos übergeben lässt.

Die Bestätigung von außen

Als Gegenmittel wird gegenwärtig dreierlei angeboten. Der Substrat-Detektor, der einen Text auf maschinelle Vermittlung scannt. Das Zertifikat, das ein Werk als maschinenfrei ausweist. Der Nachweis, dass hinter einem Konto oder einem Namen eine Person steht. Warum das erste Verfahren an seinem eigenen Anspruch scheitert, ist an anderer Stelle ausgeführt: Die Hexenprobe.

Hier zählt, was alle drei teilen. Sie machen das Menschsein zu einer Eigenschaft, die geprüft wird, und übergeben die Prüfung an eine Apparatur. Ihr Versprechen ist Erleichterung: Die Leserin soll nicht mehr entscheiden müssen, wem sie glaubt, weil ein Verfahren es vorher entschieden hat. Der Preis steht in derselben Zeile. Eine Menschlichkeit, die maschinell bestätigt werden muss, ist bereits abgetreten. Das ist kein Einspruch gegen unvermitteltes Schreiben — wer ohne Substrat arbeitet, trägt das leere Siegel, und das ist in diesem Standard die unmarkierte Default-Position, nicht die auszuweisende Ausnahme. Der Einspruch gilt der Form der Bestätigung, nicht der Sache, die sie bestätigen soll.

Die naive Stelle

Was stattdessen möglich ist, ist klein und sieht naiv aus: eine Auskunft. Wie viel der sprachlichen Oberfläche eines Textes aus dem Substrat kam und wie viel der Ideen. Kein Bekenntnis, kein Programm, keine Behauptung über den Menschen — eine Angabe über eine Sache, gemacht von der, die es weiß.

Der Einwand liegt nahe und trifft: Wer die Auskunft gibt, weil sie ihm Vertrauen einbringt, hat kalkuliert. Ehrlichkeit, die sich rechnet, ist erfolgsorientierte Rede in der Form der Verständigung. Von außen ist Ehrlichkeit von Strategie nicht zu unterscheiden — und deshalb wird sie erklärt, nicht geprüft. Kein Verfahren trennt die beiden Fälle, weil die Differenz nicht im Text liegt, sondern im Verhältnis der Erklärenden zu ihm. Bleibt allein die Erklärung dessen, der es weiß, und ein Pfand anstelle eines Beweises.

Das Siegel bescheinigt darum niemandem Wahrhaftigkeit. Es hält eine Auskunft fest und setzt die Reputation der Erklärenden dafür ein. Wer darin lügt, lügt. Das Siegel verhindert das nicht; es macht die Lüge benennbar und verortbar. Signal, nicht Tor.

Was nicht gerechnet wird

Die Abtretung ist keine Niederlage. Das Kalkül ist Arbeit, und Arbeit ist übergebbar — dafür sind Apparaturen gebaut, und es ist keine Einbuße, dass sie sie leisten. Was nicht mitgeht, ist die Stelle, an der jemand für eine Aussage einsteht: nicht dafür, dass sie wirkt, sondern dafür, dass sie gilt. Diese Stelle ist kein Rechenschritt. Sie lässt sich an keinen Rechner delegieren, weil in ihr das vorkommt, was in einem Kalkül gerade nicht vorkommt — eine, die meint, was sie sagt, und dafür haftbar bleibt.

Das Kalkül ist der Teil, der sich abtreten lässt. Das Einstehen ist der Rest.

Mehr zum Substrat-Begriff: Substrat, nicht Maschine. Zur Form, in der die Auskunft gegeben wird: Idee. Warum dieser Rest sich auch nicht beschleunigen lässt: Was sich nicht beschleunigen lässt.


Selbstdeklaration dieser Notiz: W 5 · G 3. Position und Anlass beim Herausgeber, sprachliche Oberfläche und Ausarbeitung substrat-generiert; Auswahl, Prüfung und Verantwortung beim Herausgeber. Eine Notiz über die Auskunft gibt sie über sich selbst.

Quellen

  • Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981) — Frankfurt am Main: Suhrkamp, zwei Bände. Belegstelle für erfolgsorientiertes gegen verständigungsorientiertes Handeln: Bd. 1, Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, S. 385.
  • Harry G. Frankfurt: On Bullshit (1986) — Zuerst in Raritan 6(2), 1986, S. 81–100; wiederabgedruckt in The Importance of What We Care About, Cambridge University Press 1988; Buchausgabe Princeton University Press 2005.