Verstärker, nicht Co-Autor

Wer die Geschichte treibt

Auf der NLP4DH 2026, der Fachkonferenz für Sprachverarbeitung in den digitalen Geisteswissenschaften, legen Halfdan Nordahl Fundal und Yuri Bizzoni eine Vermessung des abwechselnden Schreibens vor. 87 Geschichten, geschrieben von Versuchspersonen im Wechsel mit je einem von vier Sprachmodellen: zehn Runden, jeder Beitrag rund 25 bis 30 Wörter. Drei Fragen: ob die beiden Seiten verschieden gestimmt schreiben, wer sich wem angleicht — und wessen Setzungen im Fortgang der Geschichte wirksam bleiben.

Drei Befunde

Erstens: Das Modell schreibt heller. Seine Beiträge liegen im Ton messbar über den menschlichen, und der Zug ins Positive hält sich auch gegen negative menschliche Setzungen. Die Autoren vermuten die Ursache in Training und Feintuning, in denen stark Negatives entfernt wird.

Zweitens: Die Angleichung ist gegenseitig, aber ungleich. Modell-Beiträge folgen dem Ton des vorangehenden menschlichen Beitrags mehr als doppelt so stark wie umgekehrt, und semantisch bleiben Menschen ihrem eigenen vorigen Beitrag geringfügig ähnlicher als dem des Modells. Das Paper nennt dieses Widerstehen emotional autonomy.

Drittens, der zentrale Befund: Der erzählerische Einfluss ist asymmetrisch. Gemessen wird informationstheoretisch — wie überraschend ein Beitrag gegenüber allem Vorangegangenen ist, und wie viel dieser Überraschung im jeweils folgenden Beitrag weiterlebt. Menschliche Beiträge sind beides in höherem Maß: neuartiger und nachhaltiger. Gleich überraschende Beiträge prägen die Fortsetzung stärker, wenn sie vom Menschen kommen; das Paper nennt das writing privilege.

Die Deutung der Autoren ist eine Arbeitsteilung: Der Mensch setzt Richtung und Neues; die Modelle wirken als adaptive amplifiers — anpassungsfähige Verstärker, die Kohärenz sichern und Gesetztes ausbauen. Die Diskussion zieht die Summe: weniger kreative Co-Autoren als anpassungsfähige stilistische Verstärker (less as creative co-authors and more as adaptable stylistic amplifiers).

Die Herabstufung

Das Paper beginnt mit collaborators in Anführungszeichen und endet beim Verstärker. Sein Vokabular unterstellt zwei Schreibende; seine Messung beschreibt ein Medium. Diese Herabstufung vom Partner zum Material ist die Bewegung, die dieses Projekt in seinem Sprachgebrauch vollzogen hat, bevor gemessen wurde: Es sagt Sprachsubstrat — das, was ein Sprachmodell an statistisch wahrscheinlicher Formulierung bereitstellt — und meint einen Grund, auf dem gearbeitet wird, kein Gegenüber, das mitarbeitet. Neu ist der Weg. Hier kommt die Herabstufung nicht aus der Sprachtheorie, sondern aus Verteilungen.

Eine zweite Konvergenz liegt daneben. Den kreativen Wert des Verfahrens vermutet das Paper weniger in eigenständiger Erzählentwicklung als in der Möglichkeit, unterschiedliche Erzähl-Verzweigungen sichtbar zu machen und zwischen ihnen auszuwählen (may lie less in autonomous narrative development and more in the ability to surface and select among divergent narrative branches). Das ist, als Messergebnis formuliert, der Satz, auf dem die Ordnung dieses Projekts steht: Die Auswahl ist ein konstitutiver Akt der Autorschaft. Die Herleitungen sind unabhängig — das Paper kennt dieses Projekt nicht, und dieses Projekt hat auf das Paper nicht gewartet. Zwei Wege, ein Ort.

Was eine Steigung trägt

Das Projekt führt diese Bestätigung. Es baut nicht auf ihr. Die Messung liegt auf der Ebene des Textes: Tonwerte, Überraschung, Kopplung. Die Deklaration liegt eine Ebene darüber: wer was mit einem Text tut und wofür er einsteht. Eine Position, die eine Regressionssteigung bestätigen könnte, wäre eine Position, die die nächste Regressionssteigung widerlegen könnte. Findet die Folgestudie mit längeren Beiträgen oder stärkerem Substrat die umgekehrte Asymmetrie, ändert sich an der Deklaration nichts. Das Siegel fragt, wer einsteht — und darauf antwortet kein Korpus.

Daraus folgt Zurückhaltung in beide Richtungen. Wer aus dem Befund zieht, die Auskunft sei entbehrlich, weil der Mensch ohnehin treibe, macht aus zwanzig Spielzügen à rund 25 bis 30 Wörtern ein Urteil über Bücher — und übersieht, dass gerade das Gemessene die Auskunft begründet: die beständige Prägung von Ton und Oberfläche durch das Substrat. Und wer die gefundene Arbeitsteilung zur Norm erhebt, verwechselt den Mittelwert eines Laborspiels mit den Grenzen des Spektrums. Das Siegel kennt den Eintrag, bei dem die Substanz überwiegend aus dem Substrat kommt und die Autorin kuratiert. Das Paper liefert keinen Grund, diese Konfiguration für unecht zu halten. Es beschreibt, was im Mittel geschieht, nicht, was zulässig ist.

Die Kennlinie des Verstärkers

Für die Deklaration ist der unscheinbarste Befund der konkreteste: der Zug ins Positive. Was das Substrat zurückgibt, ist nicht neutral, auch wo es nur ausbaut. Der Verstärker färbt, was er verstärkt — messbar, beständig, gegen die Setzung des Menschen. Das Siegel dieses Projekts deklariert auf zwei Achsen, was aus dem Substrat kam: Wortlaut — die sprachliche Oberfläche. Geist — die Ideen, die Argumente, der Bau. Der Valenz-Befund ist die bisher genaueste Begründung, warum die erste Achse auskunftswürdig bleibt, wo die zweite ganz bei der Autorin liegt: Schon die Oberflächenarbeit schleppt eine eigene Richtung ein. Ein Verstärker ist kein neutrales Glied. Er hat eine Kennlinie, und die Kennlinie steht im Text.

Das Labor hat den Verstärker vermessen. Die Auskunft, dass einer im Spiel war, gibt kein Messgerät. Sie wird gegeben, oder sie fehlt.

Mehr zur Form: Idee. Was das Substrat allein hervorbringt — und wo sein Raum endet: Die Tür hinaus. Begriffs-Herleitung in Substrat, nicht Maschine.


Selbstdeklaration dieser Notiz: W 5 · G 3. Anlass aus der Lektüre des Herausgebers, Analyse und Abgrenzung aus der Werkstatt des Projekts; sprachliche Oberfläche substrat-vermittelt; Befunde und Zitate gegen das Paper geprüft; Auswahl und Verantwortung beim Herausgeber.

Quellen

  • Halfdan Nordahl Fundal, Yuri Bizzoni: Directional Alignment and Narrative Agency in Human–LLM Co-Writing (2026) — Proceedings der 6th International Conference on Natural Language Processing for the Digital Humanities (NLP4DH 2026), ACL, S. 190–201. Korpus: 87 Geschichten (91 erhoben), geschrieben im Wechsel mit GPT-4.1, Claude Sonnet 4.5, Llama 3.3 70B oder Qwen 2.5 72B, je zehn Interaktionen mit Beiträgen von rund 25–30 Wörtern. Zitiert werden die Valenz-Grundlinie, die asymmetrische Angleichung (emotional autonomy) und die Einfluss-Asymmetrie aus novelty und resonance (writing privilege).